China – Ein Land hat 10.000 Gesichter

“Ich will Menschen treffen, herausfinden wie unterschiedlich sie sind und doch wie gleich” (MacGyver)

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NEU Südwest Presse (11.11.2010): Alarmstufe Rot auf Pekings Straßen

Auto an Auto schleicht abends auf der nördlichen Ost-West-Achse Pekings, der Pingandadao, gen Westen. Taxifahrer Gao Qijun fährt eines von ihnen. “Nördlich vom Kaiser küssen sich die Autos, kommt bloß nicht rüber”, spricht der 49-Jährige mit Bürstenschnittfrisur und in Jeans in sein Funkgerät. “Ist denn der Fahrgast wenigstens zum Küssen”, feixt eine Männerstimme zurück. Ehe Gao antworten kann, muss er aufs Bremspedal steigen. Auf der dreispurigen Straße zieht ein schwarzer Audi von ganz links nach ganz rechts und gibt Gas. Denn die Spur dort ist leer. “Öffentliche Busse” steht in großen gelben Schriftzeichen darauf.

Chinas boomender Hauptstadt droht der Verkehrskollaps. Stau beherrscht nicht nur die Straßen, sondern auch Tunnel, Treppen und die Bahnsteige der öffentlichen Verkehrsmittel. Jeder der knapp 20 Millionen Einwohner verbringt von durchschnittlich zwei Stunden Wegzeit pro Tag die Hälfte im Stillstand. Oft müssen Angestellte zwei vollgepackte Busse an sich vorbeifahren lassen, bevor sie sich in den dritten quetschen können. In der U-Bahn sieht es ähnlich aus: Die erst 2008 eröffnete Linie 5 hat mit 800 000 Passagieren pro Tag bereits die für 2032 berechnete Kapazität erreicht.

Kein Wunder also, dass sich gut zwei Drittel lieber mit dem eigenen Gefährt durch die Stadt bewegen. Nur an einem Werktag – gestaffelt nach der Endziffer der Autokennzeichen – dürfen PKW-Besitzer nicht im Zentrum fahren. Mitte September kam es zum Superstau: neun Stunden ging auf 143 Straßen in der ganzen Stadt nichts mehr. Einen Monat zuvor verbrachten Lastwagenfahrer mehrere Tage in einem über 100 Kilometer langen Stau auf der Tibet-Peking-Autobahn.

Staatliche Forschungsinstitutionen signalisieren Alarmstufe Rot. Bis 2012 rechnet das Beijing Traffic Research Center mit knapp 7 Millionen Autos. Falls es nicht zu Einschränkungen kommt, hieße das fünfeinhalb Stunden Komplettstau während der Rushhour. Vor einer Woche hat Pekings Regierung deshalb einen alten Streit neu entfacht: Angesichts der Verkehrsprobleme denke man nun wieder über eine Beschränkung der zugelassenen Autos nach, sagte Liu Yumin, Vize-Direktor der städtischen Planungskommission. Vor zwei Jahren hatte die Stadt dies aufgrund wirtschaftlicher Überlegungen verworfen – die Autoindustrie hatte protestiert.

Auch Gao steht einer Beschränkung skeptisch gegenüber. “Mit dem eigenen Auto zu fahren, das ist hier der Beweis für ein erfolgreiches Leben”, sagt Gao. “Wenn man das einschränkt, rebellieren die Leute.” Es sei aber nicht nur die Masse der Autos, sondern auch das Fahrverhalten, das Staus verursache, sagt der Taxifahrer. Besonders die jüngeren Pkw-Besitzer würden ohne jede Rücksichtnahme fahren.

Fast die Hälfte des Verkehrsaufkommens konzentriert sich auf das Stadtzentrum innerhalb der dritten von insgesamt sieben Ringstraßen um Peking. Dort liegen nahezu alle zentralen Behörden, große Einkaufszentren sowie Finanzinstitutionen. Nach dem Abriss von alten Hof- und kleinen Mehrfamilienhäusern in der Innenstadt wohnen die meisten Pekinger nun an den Stadträndern. Die einströmige Belastung – morgens rein, nachmittags raus – führt die ursprüngliche Spurenplanung ab absurdum. Oft sind vor neuen Wohngebieten zwei Geradeausspuren kaum belastet, dafür bilden sich auf den Abbiegerspuren kilometerlange Rückstaus.

Aus Sicht vieler Experten ist der Ausbau des öffentlichen Transportwesens notwendig. “Erst wenn Bus und Bahn eine wirkliche, stressfreie Alternative sind, werden die Leute ihren Wagen unter der Woche mehr stehen lassen”, sagt Wang Tianlong, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wirtschaft und Öffentliches Management der Pädagogischen Hochschule in Peking. Er war Gastwissenschaftler an der Universität Bielefeld. Peking könne einiges von der deutschen Stadt lernen, meint er, etwa beim Thema Fahrpläne.

Auch Taxifahrer Gao findet, dass Peking vom Ausland lernen sollte. Ausländer fahren in der Hauptstadt oft Fahrrad, hat er beobachtet. Peking sei flach und habe breite Radspuren, eigentlich ein Paradies für Fahrradfans. “Aber das erfordert eine geschickte Verpackung”, sagt Gao lachend. “Denn wie kann das, was bei uns als rückständig gilt, nun bei manchen im Westen schon wieder fortschrittlich sein?”

(Quelle: Südwest Presse, 11.11.2010, http://www.swp.de/ulm/nachrichten/politik/art4306,710617)