China – Ein Land hat 10.000 Gesichter

“Ich will Menschen treffen, herausfinden wie unterschiedlich sie sind und doch wie gleich” (MacGyver)

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Südwest Presse (3.11.2010): Chinas Volk wird gezählt

Volkszählerin Zhang Jinyan war auf einiges gefasst als sie gestern an die Tür im Bandaohong Viertel in der westchinesischen Stadt Hangzhou klopfte. Die Arbeit höflich erklären, den Ausweis offen über der Kleidung tragen und nicht den Fuß in zugeschlagene Türen stellen, hatte die 61-jährige Rentnerin auf der eintägigen Schulung ihres Viertels gelernt.

“Dann ging die Tür auf, ein Pekinese zischte heraus und biss mir doch glatt drei Mal ins Bein”, erzählt Zhang in Hangzhou im Webforum von ihren Erfahrungen. Nach kurzer Verarztung machte sie weiter – und wurde an der nächsten Tür erst gar nicht reingelassen. “Nerven Sie mich nicht”, rief ihr eine männliche Stimme entgegen, “zählen Sie jemand anderen”.

Chinas sechste Volkszählung ist eine Herausforderung der besonderen Art. Vom 1. bis 10. November sollen 6,5 Millionen Volkszähler mit Fragebögen an Wohnungstüren klopfen und bestehende Registereinträge abgleichen. Mitarbeiter der staatlichen Nachbarschaftskomitees, Rentner und Studenten sollen von ihnen zugeteilten Haushalten Antworten zu mindestens 18 Fragen, zur Ausbildung etwa, Familienstand und ethnischer Zugehörigkeit, einholen. Bei der letzten Zählung im Jahr 2000 hatte die Regierung 1 295 330 000 Milliarden Bürger erfasst.

Rund 700 Millionen Yuan, umgerechnet 75 Millionen Euro, kostet die Erhebung, für die von Mitte August bis Mitte September bereits Zähler unterwegs waren, um Wohnortanmeldungen zu überprüfen..

Denn um Migrationsbewegungen besser nachvollziehen zu können, will der Staat nun Menschen erstmals dort zählen, wo sie leben und nicht wo sie registriert sind. Dies soll der Regierung auch bei der Einschätzung der realen Wohnungsnachfrage in urbanen Gebieten und der benötigen Zahl von Schulplätzen helfen. Die meisten von Chinas rund 200 Millionen Wanderarbeitern haben ihren Wohnsitz in ihrer oft ländlichen Heimat, obwohl sie in großen Städten arbeiten. Städtische Wohnsitze sind nicht leicht zu bekommen: durch sie hat man Anspruch auf Schulplatz und Sozialleistungen. Man fällt allerdings auch unter die Politik der Geburtenkontrolle.

Familien, die ein zweites, nicht oder woanders gemeldetes Kind haben sowie Wanderarbeiter ohne Aufenthaltserlaubnis fürchten die Volkszähler am meisten. Zwar betont die Regierung, dass die Daten nur für die Erhebung verwendet und danach vernichtet werden. Eltern von “illegalen Kindern” wird eine legale Registrierung sowie eine verringerte Strafe – in Peking normalerweise bis zu 20 000 Euro – zugesichert. Die Erhebung “dürfe nicht abgelehnt werden”, sagte Ma Jiantang, Chef der nationalen Statistikbehörde zum Auftakt. Zähler können auch die Polizei zum Türklopfen anfordern.

Doch das Misstrauen ist groß. Chinesische Medien berichten von frustrierten Helfern. Chinas Bürger tauschen sich im Internet über die besten Ausweichtaktiken aus. “Es tut mir leid, liebe Zähler, ich habe Euch gestern nicht die Tür aufgemacht”, schreibt ein Nutzer namens Qinfeng, dessen Beitrag in vielen Webforen weiterverbreitet worden ist. “ich würde der Regierung gerne vertrauen, aber ich bin schon zu oft enttäuscht werden. Sie tun nicht das, was sie sagen.”

Manche Bürger wollen daheim einfach nicht gestört werden, schreibt Volkszähler Wang Donghai im Webforum der Stadt Ningxia. Angesichts des hektischen Alltags könne er das sogar verstehen.

Dass erstmals auch Ausländer mitgezählt werden sollen, bereitet manchen Datenerhebern ebenfalls Kopfzerbrechen. “Ich kann kein Englisch. So habe ich mir auf die Brust geklopft und ,China gesagt”, schildert die Pekinger Volkszählerin Wu Xiahong, “das hat der junge Mann verstanden und ,America gesagt”. Nur seinen Namen habe dann keiner von dem Formular abschreiben können. Aber wenigstens freundlich sei er gewesen, meint Wu in ihrem Bericht.

(Quelle: Südwest Presse, 3.11.2010, http://www.swp.de/ulm/nachrichten/politik/art4306,698949)