Hauptmann Li Yang schiebt ein Betonstück vor einem eingestürzten Schulgebäude südwestlich von Peking zur Seite. Nach einem Erdbeben steht kein Stein mehr auf dem anderen. Rettungskräfte des China International Search and Rescue Teams (CISAR) suchen mit Hunden und Ultraschallgeräten nach Überlebenden. “Hier ansetzen”, ruft Li im orangen Truppenanzug und Helm seinen Kollegen mit Pressluftgeräten zu. Sie bergen einen leblosen Mann aus den Trümmern. “Danke, kleiner Li”, ruft die Männergestalt, setzt sich auf und klopft ihm auf den Rücken. Ein schrilles Pfeifen ertönt. Die Einsatzübung ist beendet.
Die Rettungstruppen sind das öffentliche Gesicht des chinesischen Militärs. Jenseits von strikter Geheimhaltung und forcierter Modernisierung leistet die 2001 gegründete CISAR bei Katastrophen im In- und Ausland Hilfe. Das 450 Mann starke Team besteht aus Ärzten der bewaffneten Militärpolizei, seismologischen Experten und Soldaten des Ingenieurregiments in Peking.
Der 26-jährige Hauptmann Li ist seit 2006 mit dabei. Als Jugendlicher hat er die zupackenden Soldaten bewundert. “Ich wollte helfen, was leisten”, sagt der drahtige Soldat mit dem kindlichen Gesicht. Zuvor hat er eine vierjährige militärische und ingenieurstechnische Ausbildung absolviert. Li war bei den zwei letzten Erdbebenkatastrophen in China als Teamkoordinator im Einsatz. “Dass dort so viele Schulen eingestürzt und Kinder gestorben sind, war hart”, sagt Li. “Manchmal habe ich laut geschrien.” Als er über Gründe für das Zusammenfallen der Bildungsstätten nachdenkt, klopft ihm sein Vorgesetzter auf die Schulter. Den Spekulationen über Schlamperei am Bau durch veruntreute Gelder soll der junge Soldat kein Futter liefern.
Oberst Jia Shuzhi ist seit 13 Jahren beim Militär und ein erfahrener Mann. Der kräftige 33-Jährige mit dem narbigen Gesicht spricht langsam und bedacht. Jia gehört zu den Gründungsmitgliedern des Rettungstrupps und war bei fast allen Einsätzen dabei, auch in Haiti. Selbst bei unangenehmeren Fragen bleibt Jia ruhig. “Die sprachliche Verständigung in Haiti war nicht einfach”, sagt er, “aber dennoch haben wir dort nicht nur Chinesen gerettet.”
Ausländische Medien und chinesische Internetnutzer spekulierten über die schnelle Entsendung von CISAR-Kräften auf die Karibikinsel. Die staatlichen Medien fokussierten die Berichterstattung stark auf die Lage der dort stationierten 126 chinesischen Soldaten. Von ihnen kamen acht durch das Beben um. UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon bedankte sich nach dem Einsatz beim Kommandeur der chinesischen Rettungskräfte für ihre tatkräftige Unterstützung. Diese Geste nahm Spekulationen den Wind aus den Segeln.
Die große Mehrheit der Bevölkerung lobt die Rettungstruppen für ihren Einsatz. Die Verteidigung territorialer Interessen gegenüber Indien, Japan oder auch gegen aufbegehrende Minoritäten in Tibet und Xinjiang unterstützen die meisten. Dennoch ist das Verhältnis zum Militär gespalten. Dass die Volksbefreiungsarmee zur Niederschlagung der Protestbewegung auf dem Tiananmen Platz 1989 Feuer gegen das eigene Volk eröffnet hat, vergessen viele nicht.
Welche Interessen das Militär verfolgt, macht der beim Probeeinsatz anwesende Sprecher des Verteidigungsministeriums deutlich. “Zunächst geht es um die Sicherung eines friedlichen Umfelds für unsere Wirtschaftentwicklung”, sagt Generaloberst Geng Yangsheng. Danach komme der Schutz der territorialen Integrität, dann Hilfe bei Rettungseinsätzen. Er schaut die Soldaten an. Einige blicken auf ihre Füße. Sie scheinen sich wie Hauptmann Li lieber am Motto vor den Toren der Truppenbasis zu orientieren: “Leben opfern, um Leben zu retten.”
(Quelle: Südwest Presse, 5.8.2010, http://www.suedwest-aktiv.de/landundwelt/politik/5173902/artikel.php?SWAID=608d3b67c27d9b783f0217bd49df9d22)