MINQIN taz | Schnaufend zieht Bauer Ma einen langen Gummischlauch Meter für Meter aus seinem kleinen Maisfeld. Sein weißes Hemd mit den heruntergerollten Ärmeln ist schweißgetränkt. Morgens um halb acht ist es bereits brütend heiß. Die Landschaft ist flach und karg. Eine dünne Staubschicht liegt in dem betonierten Kanal für Wasser vor Mas Feld. Etwa einen Kilometer dahinter beginnt sandiges Ödland – Vorboten der heranrückenden Wüste im Kreis Minqin.
Bauer Ma wirft den fein gelöcherten Schlauch wie ein Bündel Maiskolbenstangen in den Kanal. Eigentlich sollte er ihn sorgfältig ablegen. Denn der Schlauch war teuer – knapp ein Zehntel seines Jahresverdiensts von umgerechnet rund 1.000 Euro. Doch Ma ist sauer. “Ob diese neue Technik mir zu einer guten Ernte verhilft, weiß ich nicht”, sagt der drahtige Mann von Anfang 50, “es war jedenfalls ein Riesenaufwand.” Laut Anweisung der Regierung soll durch die verlegten Schläuche Verdampfung eingespart werden, welche bei den traditionellen Wassertränken der Felder entsteht. “Wasser ist ein Luxusgut” steht auf einem Schild neben dem betonierten Kanal.
Die Wüste rückt näher
Klima der Extreme in der Volksrepublik: Während im Süden der Provinz Gansu Regenfälle die Erde fortspülten und über 1.000 Menschen in den Tod rissen, herrschen im Süden Dürre und Wassermangel. Der Kreis Minqin war einst eine blühende Oase am Rand der Wüsten Tengger und Badain Jaran. Heute gilt er von Beijing bis Tokio als knochentrockene Heimat der Sandstürme .
Begonnen hat die Misere in Minqin mit zentral gesteuerter Zuwanderung in den 1950er Jahren. Die frisch gegründete Volksrepublik wollte ihr damals kaum besiedeltes westliches Territorium erschließen. Um Ackerland zu gewinnen, rodeten die neuen Siedler immer mehr vor den Wüsten schützende Grünflächen. Dass schnell das Wasser knapp wurde, hatte mehrere Gründe: zunächst die herkömmliche und ziemlich wasserintensive Art der Feldtränkung. Und am Oberlauf der einzigen überirdischen Wasserquelle, dem Fluss Shiyang, bauten die Behörden für entstehende Städte ein Wasserreservoir nach dem anderen. Zudem stiegen die Temperaturen an und es gab weniger Regen. Auf der Suche nach Wasser begannen die Bauern tausende von Brunnen zu bohren. Der Grundwasserpegel ist auf diese Weise von einst knapp 20 Metern auf aktuell rund 200 Meter gesunken. In 17 Jahren könnte es nach Expertenschätzungen ganz zu Ende sein mit dem Wasser dort.
Die Augen von Bauer Ma und anderen Mitbewohnern des Dorfes Shangquan werden feucht, wenn sie über die Vergangenheit sprechen. Unweit seines Hauses wuchsen früher Gräser und Sträucher, erinnert sich Bai Dejun und zeigt den staubigen Weg entlang. Heute ist dort nur noch Wüste. Die sonnengegerbte Haut von Bai ist so tief gefurcht wie Ackerboden. Der 65-Jährige ist hier geboren und aufgewachsen. Erst schneite es kaum noch, dann hörte es auf zu regnen. Das Brunnenwasser wurde immer salziger. Die Wüste kam näher. Die jährlichen Sandstürme nahmen an Stärke zu. “Warum das passiert ist, davon verstehe ich nichts”, lächelt Bai, “in den Nachrichten habe ich dann das Wort Klimawandel zum ersten Mal gehört.”
Trotzdem will er sein heutiges Leben nicht gegen das vergangene eintauschen. Bai erinnert sich zwar an grünere Landschaften, aber auch an die Zwangskollektivierung unter Mao Zedongs “Großen Sprung nach vorn” und an den Hunger. “So wie die Umwelt schlechter geworden ist, hat sich unser Leben dennoch verbessert”, sagt der Bauer. “Vielleicht ist das ja der Preis.”
Anders als Bauer Ma mit seinem Maisfeld hat sich Bai noch auf eine andere Regierungsinitiative gegen die Dürre eingelassen: finanzielle Unterstützung für den Bau eines Gewächshauses auf seinem rund 2.000 Quadratmeter großen Feld. Von der höheren Hintermauer aus Lehm hat er über rundes Stützholz weiße Planen zur niedrigeren Vordermauer gezogen. Der geschützte Anbau von Gemüse und Obst soll nach und nach den besonders wasserverbrauchenden Anbau von Weizen und Melonen ablösen. Zweimal ernten könne man im Gewächshaus, erzählten Bai die Beamten. Besonders die Ernte im Februar brächte viel Geld ein, weil dann Obst und Gemüse vom Feld noch rar wären. Aber begeistert von der neuen Methode ist der Bauer nicht. “Mit diesem Gewächs ist man fast jeden Tag beschäftigt”, sagt Bai und klopft gegen die Lehmmauer, “und wir Alten kommen mit der Temperaturregulierung nicht so zurecht.” In Minqin gibt es kaum junge Leute. Sie arbeiten, wie auch Bauer Bais Sohn und Tochter, in den Städten der Umgebung. Das sei gut so, meint Bai, denn hier gebe es keine richtige Zukunft mehr.
Die lokale Regierung will den Kampf gegen die Verwüstung aber noch nicht verloren geben. Rund 3.000 Quadratkilometer, in etwa die Größe des Saarlands, verliert China jedes Jahr an die Wüste. Betroffen sind die nordwestlichen Provinzen und autonomen Gebiete Gansu, Ningxia, Innere Mongolei und Xinjiang. Insgesamt 27 Prozent des chinesischen Territoriums ist bereits von Sand bedeckt. Durch Wiederbepflanzung und Aufforstung will Peking bis zum Jahr 2050 rund 350.000 Quadratkilometer Ödland zu einer “grünen Mauer” gegen die Wüste machen.
Die Jungen wandern ab
Im Kreis Minqin hat die Regierung am “Tigermund”, dem Einfallstor für Wind und Wüste, bereits auf rund 13,3 Quadratkilometer Saxaulsträucher angepflanzt. Damit sie nicht von Sandstürmen entwurzelt werden, ist jede einzelne der rund ein Meter hohen Pflanzen von sandgefüllten Säcken eingehegt. Einmal im Jahr werden sie durch mobile Wassertanks genässt – das reicht den widerstandsfähigen Sträuchern. Die Fläche soll nach und nach vergrößert werden. Die Bauern der Umgebung können sich durch Anpflanzung und Pflege pro Tag umgerechnet 10 Euro verdienen – ein Zehntel des landwirtschaftlichen Monatslohns in der Region. Die Sandstürme haben abgenommen und die vorrückende Wüste scheint etwas gebändigt.
Allein durch solche administrativen Großprojekte wird der Kreis Minqin laut Han Jierong, Mitbegründer der lokalen NGO “Rettet Minqin”, der Wüste und dem Wassermangel aber nicht entrinnen. “Wir brauchen nachhaltige Strukturen und vor allem eine wirtschaftliche Infrastruktur”, sagt der stämmige Mittdreißiger, der hauptberuflich bei einer Bioenergiefirma in der Provinzhauptstadt Lanzhou arbeitet. Die Regierung könne solche teuren Großprojekte wie die Aufforstung nicht auf Jahre alleine meistern. Bauern und Firmen müssten stärker mitgestalten können. Minqin braucht bessere Straßen, eine Eisenbahnverbindung. Nur so kriegt man wieder jüngere Leute und überhaupt Unternehmer in die Region. Wenn die junge Generation weiter abwandert und die Älteren langsam sterben, dann habe die Wüste ein leichtes Spiel.
Deshalb hat Hans’ Mitstreiter Ma Junhe in seinem Heimatdorf Guodong im Kreis Minqin ein rund 330.000 Quadratmeter brachliegendes Sandfeld als Vorzeigeland für Vermarktungsprodukte gepachtet. Mit viel Enthusiasmus und hunderten von Freiwilligen hat er über die Hälfte mit Saxaulsträuchern, Dattelbäumen und Ölweiden bepflanzt. Der drahtige 31-Jährige hat die Hälfte seines Lebens auf dem Hof seiner Eltern mitgeholfen. Wie viele zog es ihn dann raus in Chinas südliche Städte. Dort tingelte er von Job zu Job. Minqin war weit weg für ihn. Im Jahr 2003 las Ma eher zufällig in einer Internetbar in Shenzhen über seine Heimat, die Sandstürme und den Klimawandel. “Früher habe ich alles einfach als normal hingenommen”, sagt Ma. “Als ich mehr las, wusste ich, dagegen kann und muss ich etwas tun.” Zwei Jahre später ging er zurück in die Provinzhaupt Lanzhou und gründete mit anderen Heimatverbundenen die Initiative “Rettet Minqin”. Sie machten sich über Verwüstung und Gegenmaßnahmen schlau, warben für Unterstützung im Internet.
Abends wandert Ma oft durch sein Sandfeld. Er hat den wiegenden Schritt der Bauern, aber die Vision eines Unternehmers. “Viele der Beeren, Blätter und Wurzeln kann man zu Medizin oder speziellen Nahrungsprodukten verarbeiten, ganz ökologisch”, erklärt Ma. Er weiß, dass er seine Mitbewohner und potenzielle Investoren mit handfesten Fakten überzeugen muss. Ob er es schafft, weiß er nicht. Allein der Versuch zählt, sagt er. Denn für ihn hat seine Heimat nur so eine Chance gegen die Wüste.
(Quelle: taz, 17.8.2010, http://www.taz.de/1/politik/asien/artikel/1/heimat-der-sandstuerme/)